STEFAN SEE

“I am not a man, I just play one and maybe my acting is half-hearted, but the costume is pretty good.”

 

In einer nominalen Häufung des Buchstabens S wuchs Stefan Seidler ab 1981 am Südrand der Stadt Salzburg auf, am Sternhofweg, im Sternzeichen Steinbock (auch wenn ihm die Astrologie sehr egal ist) – im Grenzgebiet zwischen Stahlbetonsiedlung und Landleben (und in den ersten Lebensmonaten auch hart an der Grenze). An Grenzlinien und im Dazwischen sollte auch sein weiteres Leben verlaufen.

Seit 2005 wächst er in Wien weiter, natürlich zunächst zum Studieren einer Sozialwissenschaft. Wer nach Textil- und Medien-Design immer noch nicht weiß, was er*sie vom Arbeitsleben will, sollte als Nächstes ein Anthropologie-Studium abbrechen. Im Sozialbereich arbeitete er 12 Jahre lang (der fängt schließlich auch mit S an). Seine Tochter hat hier 2009 begonnen mit dem Aufwachsen.

Nach der Abkürzung seiner beiden Nachnamen – den zweiten nahm er von seiner Mutter, die ihren Antonik ohnehin nicht mehr verwendete – stand Stefan Antonik-Seidler plötzlich vor einem See. Eine weiteres Lebensmuster: Der Wallersee ist ein prägenden Ort seiner Kindheitssommer, die er auch mit zwei älteren Geschwistern verbrachte. Seine Angst vor tiefem Wasser ist womöglich genauso bezeichnend wie deren Überwindung. Wo Menschen jahrelang scheiterten, waren vorbildliche Tiere erfolgreich.

Ein Gewässer im Namen zu haben passt jedenfalls zu seiner persönlichen Fluidität. Die meint leider nicht, dass er ständig “flüssig” ist, sondern bezieht sich auf seine Genderidentität und deren Expression. Ihr Fließen gleicht eher einem See als an einem Fluss. In ihrer Uneindeutigkeit ruht sie beständig zwischen den Ufern seiner Sexualität.

Über Sexualität spricht und schreibt er gerne offen. Sie offenbart oft unweigerlich, was Menschen gerne vor sich selbst verstecken. Aufgeklärtheit und Authentizität sind nicht nur sexy. Beides wirkt als Gegengift zur Toxizität einer Welt, deren Lieblosigkeit oft mit Liebesentzug beantwortet wird – vor allem mit dem Entzug der Selbstliebe.
Die Philosophie dient diesem Gegengift als 24-Stunden-Lieferservice und viele Male als Lebenssinn-Retterin zwischen schimmernden Buchdeckeln. Wie kann man da nicht Feminist*in werden?

Eros tritt für ihn spätestens seit Platon, symbolfigürlich, als Mittler zwischen den Welten auf, deckt auf, was sich zwischen den Zeilen verbirgt und verbindet die Stühle, zwischen denen Stefan See – als Grenzlandbewohner – ansonsten oft sitzen bliebe. Eros schafft den Raum, in dem die Wahrheit zum Begehren werden kann. Dafür muss man sich nicht mit Neo-Tantra beschäftigen oder in nicht-monogamen Beziehungskonstellationen leben (es  schadet allerdings auch nicht). Eros-Sophia will sagen: aus zwei Lebensthemen wird eines.

Stefan See benützt maskuline Pronomen, obwohl ihm die genauso wichtig sind wie die Astrologie. Deren Verwendung ist eine gesellschaftsbedingte Gewohnheit, die er genauso schamlos ausnützt wie die damit zusammenhängenden Privilegien – um sich möglichst ungestört bewegen zu können durch eine Gesellschaft, die nicht nur aufgrund von seiner neurodiversen Veranlagungen oft befremdlich wirkt. Aber ihr könnt auch gerne sie zu ihm sagen oder they. Stefan See schreibt normalerweise nicht von sich in der 3. Person – versprochen!

Der Autor ist genauso wie Erosophie.com queer+feministisch geprägt, von Neo-Tantra inspiriert und am wissenschaftlichen Konsens orientiert.

kontakt@erosophie.com
Schreibergesellenstück: “Ein Mann von Almería – Die Abenteuer eines Geflohenen”

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