Stefan Antonik-Seidler

Wohnt und arbeitet in Wien, als Autor*in und persönliche*r Assistent*in für Menschen mit Behinderung Pronomen: er/seiner/ihm/ihn

Das Leben ist eine Reise mit veralteten Karten. Selbst wenn wir ankommen, wo wir hinwollten, kann sich dort in der Zwischenzeit alles verändert haben.
Genauso war es nach meiner handwerklichen, grafischen und medientechnischen Ausbildung und redaktionellen Arbeit. Statt im Büro sitzen zu bleiben, arbeite ich, seit über einem Jahrzehnt im Sozialbereich direkt mit Menschen zusammen. Was ursprünglich als Student*innenjob begann, prägte mein Familienleben, meine Freundschaften, mein Denken und Schreiben. In dieser Zeit wurde ich Papa und vollendete einen Roman. Ich begann neue Beziehungen und probierte neue Beziehungsformen. Ich lernte Menschen aus allen möglichen Gesellschaftsbereichen, Berufen und Lebensnieschen kennen, mit ihren unterschiedlichsten Eigenschaften und Interessen, Schwächen und Stärken, Behinderungen und Fähigkeiten, sexuellen Orientierungen und Gender-Orientierungen, Herkünften und Ankünften.

Es ist eine Reise, die zwischen den Stühlen begann. Sie verläuft auch heute noch auf Grenzlinien.

In den letzten Jahren befasste ich mich intensiv mit meiner persönlichen Lebenskrise. Dazu zwang mich, zum Glück, eine zunehmende Insomnie als Symptom meines unterdrückten Seelenleids. Es begann nach einem Leben, das geprägt war von komplexen Entwicklungstraumata, unterschätzter Neurodiversität, verdrängten Ängsten, Selbstisolation, Überrationalisierung und einem belasteten Verhältnis zur eigenen sexuellen Orientierung und Genderidentität, mit all den entsprechenden unbewussten Schamgefühlen.

Ich musste mich selbst neu kennen lernen. Begleitet wurde dieser Prozess von etwas Psychotherapie, Aufstellungsarbeit, Workshops, Meditation und Recherchen. Viele Trigger waren notwendig und noch mehr Schreiben, sowie das Wiederentdecken alter Hilfsmittel und Stärken, um dabei voran zu kommen. Natürlich halfen auch neue Freundschaften und zwischenmenschliche Erfahrungen, vor allem in meiner Partnerschaft, die ich kurz nach Beginn dieser Entwicklung einging. Eine Beziehung, die auf besondere Weise meine Schmerzpunkte berührte und mich immer wieder aufs Neue herausforderte, ohne dabei verloren zu gehen. Dadurch konnte ich auch eine neue Beziehung zu mir selbst eingehen. Danke Myriam!

Als ungeahnter größter Schmerzpunkt offenbarte sich dabei das Thema sexueller und sexualisierter Gewalt, vor allem im Zusammenhang mit der Unterdrückung und Ausbeutung des Femininen, das sich nicht ohne kritischer Analyse der patriarchalen Strukturen unserer Gesellschaften verstehen lässt. Es war feministisches Denken und Forschen, dass mich schon vor Jahren aus dem Schockzustand meiner Verständnislosigkeit befreite. Es diente später auch dem besseren Verstehen meiner Erfahrungen als queere Person.

Die bewussten Auseinandersetzung mit all diesen Problemen, ließ mich – bei allen Schwierigkeiten und Rückschlägen – schrittweise zu mir selbst, in die Selbstliebe und damit in die Heilung finden. Dabei half auch eine gewisse Sturheit (die ich, wie das Geschichtenerzählen, vermutlich von meiner Oma, Stefanie, geerbt habe).

Hilfsmittel

Zu den wiederentdeckten alten Hilfsmitteln gehören Tanz, Gesang, Kampf- und Laufsport, Meditation, Poesie, klassische Philosophie, visuelle Kunst, Neoschamansimus und die Kraft der bewussten Imagination, ein spirituellen Zugang zu Sexualität sowie Bewegung und Begegnung in der Natur.

In der Verarbeitung meiner Vergangenheit, überwinde ich daher nicht nur alte verinnerlichte Hürden. Ich besinne mich auch auf alte Stärken und kann sie – mit wachsender Selbstliebe – in mein Leben reintegrieren. Alte Werkzeuge und Hilfsmitteln lassen sich auch mit neuen kombinieren – mit Psychologie, Therapie, Körperarbeit, Neo-Tantra und noch mehr Philosophie.

Aus der Kombination der verschiedenen Ansätze, die ich auf meiner Lebensreise kennen lernte, ergibt sich eine ganzheitliche Perspektive auf das Selbst und den Weg dorthin:

GEIST:  Selbstreflexion – vor allem über das Schreiben und die Philosophie. Ziel: Erkenntnis und Klarheit.

KÖRPER: Sport, Tanz, Neo-Tantra, Atemübungen, Wildkräuter-Sammeln oder Bäume-Umarmen: All diese Aktivitäten haben gemeinsam, dass sie eine Verbindung mit dem eigenen Körper herstellen, die durch seelische Verletzungen verloren gehen kann.Traditionelle Kampf-Kunst (wie Karate in meinem Fall) wirkt dabei besonders ganzheitlich, auch als mentales Training, das Körper und Geist in Einklang bringt. Ziel: Ankommen im eigenen Körper – bedeutet wahrhaftig auf der Welt zu sein.

SEELE: Spiritualität, die hier nicht religiös gemeint ist, stellt für mich das Bindeglied zwischen Geistigkeit und Körperlichkeit dar. Sie bewegt sich in einem sprachlosen Raum, der sich unter anderem durch Kunst und Rituale erfahren lässt und Verbindung der Psyche mit der kognitiven und sensualen Ebene erschließt. Ziel: Empfindungen fließen zu lassen, sie wahr- und annehmen können.

Mein Weg zu mir selbst begann im Kopf, genauer mit der Frage “Warum?”. Aber er musste weiter über den Körper und die Seele führen, damit ich Heilung finden konnte. Ich glaube, es ist egal, wo wir unsere ersten Schritte setzen, solange wir nicht die notwendigen Umwege auslassen.

Als bisexueller Mensch mit “diversem Geschlecht”, der von atheistischen Eltern katholisch getauft, zwischen Stadt und Land, in einer Arbeiter*innenfamilie mit Akademiker*innen-Nachbarschaft aufwuchs, schlängelte sich mein eigener Pfad von Anfang durch verschiedene Zwischenbereiche, mit unterschiedlichsten Menschen und Perspektiven.

Ich hoffe, durch meine Erfahrungen anderen Menschen ein Stück weit helfen zu können, ihre eigenem Wege in die Heilung oder zunächst Verständnis für sich selbst zu finden – so wie dies andere für mich getan haben.

Angesichts meiner persönlichen Themen, vor allem durch meine Queerness, erneuerte sich auch meine Auseinandersetzung mit Feminismus. Im Tagebuch, das ich seit zwanzig Jahren regelmäßig führe, entwickelte ich eine neue Form zur besseren Selbstreflexion und Gedankenordnung. Ich will auch nicht die positive Wirkung des Laufsports unerwähnt lassen, der mich durch die vielen schwierigen Jahre trug, die hinter mir liegen.

Am vorläufigen Ende meiner Entwicklung bleiben diese Schwerpunkte wie tragende Säulen stehen, auf denen ich das neue Dach meiner Philosophie und meines Schreibens errichte. Um sie alle weht der Begriff des Eros, der sich nie weit von der Sophia bewegt. Liebe und Weisheit stellen Ausgangspunkt, Wegweiser und Ziel für ein sinnliches wie sinnvolles Leben dar.

Erosophie.com, mit ihrer Betrachtung von Sinn und Sinnlichkeit und deren Bedeutung für das Mensch-Sein, ist das logische Ziel meiner ungeplanten Lebensroute.

Biografisches: 

Aufgewachsen in Salzburg Stadt (Leopoldskron-Gneis). Frühe innere Zerrung durch Geschlechter-Segregation bereits im Kindergarten. Spielen und Laufen im Hochmoor, Sommern am Wallersee, Sonnwendfeuern auf der Pfarrwiese, langen Nebelwegen zur Volkschule, Karatetraining, kirchlichem Jugendtheater und Stimmbruch bei den Domkapellknaben. Ein Abschluss der Fachschule für Textil-Design und des Kollegs für Medientechnik und Fotografie (HTL Salzburg). Ein Jahr Zivildienst bei der Lebenshilfe Salzburg. Ein wenig Studium der Kultur- und Sozialanthropologie. Sehr viel persönliche Assistenz für Menschen mit Behinderung/Behinderte (richtige Ausdrucksweise ist Gegenstand von aktuellen Peer-Diskussionen).

kontakt@antonik-seidler.com

Debüt-Roman: “Ein Mann von Almería – Die Abenteuer eines Geflohenen”

 

Auch scho(e)n woanders:


Der Schauer (Blogspot)

Ich bloggte ab 2007 auf meinem alten Blog, “Der Schauer”, bis ich auf diese Webseite wechselte. Jetzt dient er als Archiv für die vielen Gedichte, Fotografien, Karrikaturen und politischen Kommentare von damals.

Yoniloveproject

Ich schrieb als Autor* beim Yoniloveproject, einer Initiave meiner Partnerin, Myriam Parth, zur Wertschätzung des Weiblichen.

“Das Thema Feminismus ist für mich zentral – politisch, gesellschaftlich, sexuell, philosophisch, poetisch, sowie hierbei die Erfahrungen und Perspektiven aus der Sicht meines “männlichen” Körpers. Als Autor* will ich ergründen, als Poet* verdichten: die Bedeutung des Femininen, über Geschlechtergrenzen hinaus.”

Der Bagger

Kurze Mitarbeit beim Der Bagger – Grabungen zwischen Ernst und Satire, bis zu dessen Einstellung.

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