Corona und Wahnsinn

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Masken fallen, wenn sie anderen aus dem Gesicht gerissen werden. Klischees gebären sich selbst. Sie wandeln durch öffentliche Verkehrsmittel, über Einkaufsstraßen und Onlinepfade. Sie suchen das Publikum, die lange vermisste Aufmerksamkeit, den zu lange unterdrückten Trotz gegen einen Feind, der die Einsamen zu einer neuen Gemeinschaft macht.
Abseits wandeln sie und zugleich mitten hindurch. Sie verwandeln sich vor aller Augen in verfestigte Abbilder ihrer Vorbilder, um die Vorurteile gegen sich selbst zu fällen. Das ungute Gefühl wird verwirklicht und die Wirklichkeit schreibt Satire.

Offenbar hat er lange genug gegoren, der Wahnsinn, auf bekifften Partys, in familiären Traumata und Fiktionen rettender Ablenkung, in den angepriesenen Alternativen zur normalisierten Ratlosigkeit und Verzweiflung; zwischen Frühstückshoroskop und Apothekenauslage, zwischen Alphamann-Fantasie und den richtigen Schwingungen des Leitungswassers, zwischen Hippie-Ausstiegs-Idylle und Keller-Nazi-Fetisch. Das Vergorene ist Reif für die große Feier. Es ist ein Totentanz. Sie nennen ihn Corona-Wahnsinn.

„Sterben für die Freiheit!solange nur die Anderen sterben und solange sie aus den guten und gesegneten Gründen sterben, lautet es. Es ist kein Motto. Es ist eine Orientierungshilfe, wenn man glaubt, sonst keinen Weg zu den Emotionen anderer zu finden.

Die Hoffnung starb zuerst. Jetzt muss die Vernunft dran glauben. In Vorstellung und Sprache diffamiert wird die Logik, als Verräterin den Verratenen – jenen, die bereits genug haben und genug wissen und genug sind an der Zahl, um den näher rückenden Feind aufzuhalten, der sie zusammenrücken lässt. Mit dem Rücken zur Wand ist niemandem mehr zu trauen, der die Türe öffnet.
Den eigenen Kindern, den eigenen Eltern, Liebhaber*innen und Freund*innen ruft man zu:
„Weg vom Fenster!“; und wenn sie nicht hören, wünscht man ihnen “Guten Sturz!”.

„Ich weiß, dass es nicht so ist, aber mein Gefühl und meine Telegram-Gruppe sagen mir, du hast mich verraten.“

So reden Menschen, die oft keine sein wollen. Für übermenschlich halten sie sich in ihrer Fähigkeit, im Nichts alles zu erkennen, alles zu erahnen und alles zu wissen. Um die Unterscheidungen kümmern sich andere, die ihnen gerade deshalb zu Verräter*innen werden.

„Hör mir auf mit deinen Zahlen!“ Du sollst dich mit ihren begnügen.

Nichts von ihnen haltend, halten sie die angefeindeten Eindringlinge an den Grenzen ihrer Egos, die mit den falschen alternativen Fakten anrücken. Die eigenen Überzeugungen sind alternativlos.
Das Nichts, aus dem sie alles erfahren, wird auf alle geworfen, die zu nahe kommen. Verunmöglicht muss werden, was sie denken und sagen. Wären diese eindringlich Anderen auch nur irgendetwas, das Wahrhaftigkeit besäße, wo kämen wir da hin? Nicht umhin kämen wir, Vorgestelltes und Gesagtes dieser Eindringlichen als wahr zu erwägen.

Erwägung schafft Möglichkeiten und es darf nicht möglich sein, was das Seiner-Selbst-Sicher-Sein gefährdet. Die Ratlosigkeit wurde bereits verklärt, endlich die Verzweiflung zerstreut dank schrecklicher Mythen, die einen scheinbar rettenden Grund für all das Abgründige errichten. Die Welt wurde wieder schräg gerückt, zur ungeliebten Norm, unter der man leiden darf, zum ganz normalen Wahnsinn, der immer der Wahnsinn der Anderen sei.

Man spricht von dieser Welt, als würde man die erdabgewandte Seite des Mondes meinen. Dort erscheint das Selbst sicher. Diese kalte Dunkelheit hat die Kraft, den Zweifel zu verschlingen und die Ratio zu betäuben.

„Es kann sowieso niemand genau wissen, aber…“. Aber-kadabra! Wir fechten ein Zauber-Duell. Welche Meinung hat mehr Macht? Welche Behauptung kann sich behaupten vor dem virtuellen Publikum? Du gewinnst, wenn du nur fest genug glaubst.

Wann sprang die Überzeugungskraft über, von der Gemeinschaft der vermeintlich glaubwürdig Glaubenden auf das Ego der bis dahin einsam Suchenden? Das Ego will sich nicht mehr verloren fühlen, im endlosen Raum der Möglichkeiten, weder in der Zukunft noch in der Vergangenheit. Darum darf nur möglich sein, was die Gewissheit schafft, es immer schon gewusst zu haben.

Aber du hast mir nicht geglaubt.“ Es hört sich nach einem Vorwurf an. Irgendwann hattest du die Möglichkeit in den Raum gestellt hast, es könnte auch anders kommen, ohne zu wissen, dass die damals im selben Raum stehenden Fragen auf die Besitzansprüche abzielen. Es ging und geht ums Recht-Haben.
Während es dem Wissen-Wollen allein ums Wissen geht, wird es bei der Rechthaberei
zutiefst persönlich. Dabei können wir uns kein Vielleicht erlauben, das Möglicherweise ist zu leise. Personen werden zum Ziel, über die können wir streiten. Die Tat-Sachen werden aus den Augen verloren.

Mit der Verunmöglichung des Möglichen stirbt auch das Unmögliche und es bleibt nichts mehr übrig zu bedenken. Mit der Vernunft stirbt die Möglichkeit der Wahrheit und mit der Wahrheit die Möglichkeit jeglicher Gewissheit. Deshalb wird alles dem Glauben unterworfen und der Glauben wird verteidigt mit allen Mitteln, von einer Gemeinschaft einsamer Verzweifler*innen in der Dunkelheit.


In einem Moment, in dem sie es schaffen, ihrem Spott auf die Zunge zu beißen, sagen sie Dir: „Nein! Im Gegenteil zu uns erwägst du nicht alle Möglichkeiten.“ sobald du an den einzelnen Möglichkeiten zweifelst, die sie längst als einzige Wahrheit leben.

Nur rhetorische Fragen sind erlaubt. Stellst du richtige Fragen, fühlen sie ihre gesamte Persönlichkeit in Frage gestellt.

„Du musst nicht alles immer bis ins letzte Detail zerpflücken!“

Zweifel bedeutet echte Anerkennung. Zu viele erkennen echte Anerkennung nicht mehr, erfuhren sie vielleicht nie. Stattdessen halten sie die Worte jener für Anerkennung und Freundschaft, die ihnen die Sätze ihrer eigenen Ratlosigkeit und Verzweiflung wiederkäuen. Diese falschen Freund*innen bieten ihnen einfache Lösungen für komplexe Probleme an, die dann dort zu suchen wären, wo niemand sich selbst finden kann.

Mund zu Mund gefüttert werden die Ängste, die Ängste vor den eigenen Schatten, die man im Informationsdickicht erspäht. Stück für Stück schmeckt der Schmerz nach Weihe, das Misstrauen nach Weisheit und die Entfremdung nach Erhabenheit – Erhabenheit über jene, die so dumm sind, sich nicht zu ängstigen.

Wie kann man nur so emotionslos sein?“

Überheblichkeit ist eine Überforderung. Überheblichkeit wird von falschen Freund*innen verfüttert, aufgewärmt in der eigenen Suppe einer Existenz, die scheinbar nicht mehr zu bieten hat als eine Mischung aus Überlegenheits- und Selbstwertlosigkeitsgefühl.
Auch die falschen Freund*innen suchen deine Probleme bei den Anderen. Auch sie sind Menschen des allmächtigen Glaubens, die alles glauben können und nichts wissen müssen und die im Verzweiflungsfall sogar deine Existenz leugnen. Einfach so. Typen wie du leben in einer Traumwelt. Ich kenne dich zwar nicht und will einen wie dich auch nicht kennen, aber ich sage dir, was du wirklich bist.

Dieser Markt
wird nie gesättigt sein. Er hungert seine Kund*innen aus und erzeugt seine Nachfrage aus dem Nichts. „Und erlöse uns erblich Versündigte von dem Bösen!“ Ratlosigkeit, Verzweiflung und Angst – mehr musst du nicht kennen, mehr musst du nicht wissen. Aufmerksamkeit ist das Gold, nachdem sie schürfen. Es klickt im Internet und glänzt wie Anerkennung und Freundschaft.

Du weißt nicht, was ich weiß.“, erklären sie dir, noch ehe sie wissen können, was du weißt. Du fühlst dich verleitet, dein Wissen zu beweisen. Es spielt aber keine Rolle, denn was auch immer du weißt, wird ohnehin nicht geglaubt und wenn du es beweisen kannst, spielt es plötzlich keine Rolle mehr, spielte nie eine Rolle für Menschen, die gar nicht wissen wollen. Sie wollen sich behaupten. Ihnen genügt das funktionale Glauben. Darum muss es dir genügen, dir dessen bewusst zu bleiben, was du nicht weißt. Lass dich nicht anstecken von der Überheblichkeit dieser erhabenen Eingeweihten! Die haben ihren Scheinheiligenschein. Du hast eine Leselampe.


Nur um es besser zu wissen, sprechen sie dir die Möglichkeit ab, überhaupt etwas zu wissen – solange du es dir nur denken kannst. Und sobald die Wirklichkeit durch die Tore des Denkens bricht, opfern sie, um ihn zu schützen, die eigene Wahrnehmung auf dem Altar ihres Glaubens. Sie widersprechen sich am Ende selbst, um (nichts) zu gewinnen, in einem Glaubenskrieg, den sie mit sich selbst führen.

Nach der ganzen Diskussion und dem Streit sagen sie dir: Es ist egal.“ Ist Gleichgültigkeit das Problem? Sie sagen dir, es sei dein Problem.

Oben wird zu Unten und Links zu Rechts, die Behauptungen verlieren Grund und Boden. Treu bis in den Tod jeder Logik lassen sie sich niemals von etwas anderem überzeugen als von dem, was sie für ihre eigene Meinung halten, halb vorgekaute Informationsfetzen ihrer falschen Freund*innen, basierend auf dem Codex ihrer Glaubensgemeinschaft. 
Dir werfen sie aber vor, ihre Meinung nicht zu respektieren, sie zu zensieren, ihnen Gewalt anzutun, mit deinen Vorstellungen und deinem Sprechen, in dem du ihre Ignoranz ignorierst, während sich an ihren Mauern die Leichen deiner Bemühungen türmen; während sie Dir jedes gute Argument absprechen wollen, nur weil sie es bereits hörten und sie dich für unmöglich halten, weil du ihnen ihre eigenen Worte und Taten vorhältst. Denn dadurch bist du Teil eines Systems.

Hör auf, so viel nachzudenken!“

Es stimmt schon, manche wollen keine Erklärung. Manchen ist die Finsternis klar genug.
Viele können auch nicht verstehen, was du sagst. Denn anstatt sie mit den Ohren aufzunehmen, legen sie sich deine Worte auf die Zunge, um sie dir, bei nächster Gelegenheit, zurück ins Gesicht zu spucken. So verleihen sie dem, was du mit ihnen teilst, ihren Wert: als Waffen, die sie gegen dich verwenden können, Worte verdrehend, Begriffe in ihr Gegenteil verkehrend, die eigene Gedankenwelt auf den Kopf stellend und das ganze noch einmal gut durchschüttelnd, bis wir wieder am Anfang stehen. Dort lauern sie erneut. Sie versuchen deine schwachen Worte von der Herde zu trennen.

Kannst du dich nicht mehr erinnern? Das hast du damals gesagt. Ich sag’s nur.“

So missverstehen sie auch die Wahrheit: Als eine Macht, die ihnen zu dienen habe wie die Natur, die sie sich untertan machen wollen.
Es ist ein Glaubenskampf, der zum Verlieren begonnen wurde. Man verliert die Wirklichkeit, nur einen Schatten der Wahrheit sehend, von der man glaubt, dass sie einen bestimmten Zweck zu erfüllen habe. Man verliert sich selbst darin, während man selbst den Sternen erklären möchte, wie diese eine*n zu leiten hätten.

Immer schon versuchten Menschen die Wirklichkeit nach Bedarf zu verändern. Aber die Glaubensmächtigen spalten keine Steine mehr. Sie kämpfen nicht mehr – im Vorrecht ihrer Vorfahr*innen – mit den Widrigkeiten einer unbändigen Natur, als eine Ordnung, die sie anerkennen müssen.

Sie führen einen Überlebenskampf gegeneinander und mit der eigenen Natur und was es zu verteidigen oder zu erobern gilt, ist die Illusion vom Selbst in einer Welt, deren Wirklichkeit für sie so nicht wahr sein darf. Sie suchen nach der Heimat ihrer gebrochenen Herzen und finden alles in Trümmern.

Mir geht es gut. Es muss mir gut gehen.“

Kann man die Wahrheit nicht einfach sie selbst sein lassen? Sie ist wie ein inneres Kind, das verleugnet wird. Sie stellt die Ursachen unserer schlechten Eigenschaften in Frage, die Abhängigkeiten von den gewohnten Schmerzen, die falschen Freund*innen, die Normen der Ratlosigkeit und Verzweiflung, die Vertrautheit der Angst und die nur scheinbar sichere Entfernung vom Selbst.

Lieber sterben, als eine erneute Kränkung erleiden!“, sagt das verletzte Herz, das nichts anderes mehr erwartet als eine weitere Kränkung, würde es wahrhaftig sehen und gesehen werden. Deshalb sind es alle anderen, die krank sein müssen.
Sie werden auch krank, mit einer kleinen Übertreibung, nur etwas Ablenkung, einer halben Wahrheit immer und immer wieder, bis nichts anderes mehr übrig bleibt, als übertriebene und zerstreute Gedanken und unwirkliche Wahrnehmungen. Angesichts dessen verzweifeln die eigenen Kinder, die eigenen Eltern, die Liebhaber*innen und Freund*innen selbst irgendwann.

Jede Übertreibung ist bereits eine Verzerrung der Wahrnehmung. Hinter jeder halben Wahrheit lauert eine halbe Unwahrheit und hinter jeder Maske eine weitere Maske. Wovon will man überhaupt ablenken?
Die eingeweihten Glaubenskrieger*innen tanzen auf dem Maskenball der Eitelkeiten. Sie tanzen einen Totentanz. Begraben wollen sie die Wahrheit ihres Leidens und mit ihr die ganze Welt, eine Welt in der Tatsachen und nicht Verschwörungsmythen Hoffnung schaffen. Sie wollen die Wahrheit begraben, dass es Wahrheit geben kann, dass wir wissen können, dass wir aber auch nicht-wissen dürfen und dass niemand Wahrheit allein “besitzen” kann. Sie ist Herrin ihrer selbst.
Unsere Wahrnehmung und Wahrhaftigkeit sollen begraben werden, damit Einbildung und Eingebildetheit leben können.
Das ist der Wahnsinn.

Aber hey, Du! Es gibt immer noch die Liebe. Die ist für alle da, diese bleibende Wahrheit, an der wir uns halten können. Sie stillt die Momente mit Einsichten, wenn wir sie sein lassen. Das jedenfalls weiß ich. Das ist der hellste Wahrsinn. 

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