Überlebenssinnsuche 1: Warum

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Ich weiß, alles ist anders, alles ist neu. Aber was ist diese „Normalität“, von der alle reden?

Das Du steht für das Ich im Spiegelbild.

 

Du bist vierzig geworden, verlebst die Alltage, durchlebst wie seit jeher viele Nachtstunde wach oder alpträumend. Es passiert in einer Ausnahmezeit für gewiss alle – und das meint den Großteil der Menschen, der Anschluss an die globalisierte Welt hat. Dieses Abnormale fühlt sich für Dich allerdings überraschend vertraut an.Offenbar nimmst Du es besonders deutlich während der Corona-Pandemie wahr, dieser Sahnekrone auf allen anderen Krisen. Beinahe Dein ganzes Leben – zumindest so weit Du Dich zurück erinnern kannst – fühlt sich an wie ein einziger Ausnahmezustand, mit bloß wechselnden Nuancen und Namen der selben oder artverwandter Probleme. Und mit der deutlicheren Wahrnehmung der weltweiten wie der persönlichen Probleme, rückt auch das Bewusstsein von der eigenen Sterblichkeit wieder ein Stück näher – näher ans Licht, vor allem ans metaphorische. Dort, glaubst Du, leuchtet das Konzept einer menschlichen Vernunft, leuchtet ein, was auch immer sie berührt.

Aber was nützt dieses Ein- und Umherleuchten, wenn so vieles, was Du in diesem Anscheinen erfährst, Dir bis zum Hoffnungsverlust Schmerzen verursacht? Würde alles vielleicht weniger weh tun, wenn Du umnachtet lebtest, Dir nicht jene Gedanken machen würdest, von denen Du vermutest, sie wären vernünftig? Oder hätte das nur zur Folge, dass Du (großteils) nicht wüsstest, woher das Leiden käme, das Du vermutlich dennoch auf die eine oder andere Weise erfahren würdest (zum Beispiel durch eine globalisierte Seuche als Folge der immer häufiger werdenden Verletzungen natürlicher Barrieren, zwischen moderner menschlicher Zivilisation und Wildnis). Und was hat dies alles mit den Fragen zur Sterblichkeit zu tun – mit der mittlerweile sehr gut absehbaren Endlichkeit dieser Menschenwelt, dem Ende der sozialen Ordnung unserer Gesellschaften, den ökologischen wie moralischen Grenzen unseres Wirtschaftssystems, die längst überschritten sind – wenn wir ohnehin alle sterben werden?

Du kannst Dich nicht um alles kümmern und um das Viele nicht gleichzeitig.

Wo fangen wir an?

Mit einer schönen Aussicht. Da ist ein Wald und dort vorne, hinter einer Baumreihe, liegt der Schlafplatz der Sonne, wo sich die Ebene des Alpenvorlands ausbreitet als würde hinter ihrem Horizont die große weite Welt beginnen (in Wirklichkeit ist es nur Bayern). Du wirst mit einer Beule auf der Stirn geboren. Draußen tobt der Schneepflug.

Große Geschwister treten den Pfad aus. Der Eine flieht wie der Wind. Die Andere setzt Wurzeln in diesem Urgrund aus illusorischer Sicherheit und in die Ferne gerückter Angst (Salzburg ist so schön, mensch kann sich kaum vorstellen, dass auch hier Menschen vor lauter Leiden den Verstand verlieren, gerade das macht es so trügerisch, um nicht zu sagen gefährlich). Aber so oder so verschwinden beide bald im Gewirr einer durchwachsenen Welt, in der Du nicht weißt, was die (übrig gebliebenen) Erwachsenen von Dir erwarten.Die Schule wird Dir zum Rätsel. Weil Du in die Ferne schweifst, siehst Du nicht, was vor Deinen Augen passiert. Du bekommst es nur zu spüren. Du wirst „Schauer“ genannt. Du bist einer, so lange schaust Du Dir die Dinge an, bis Du sie verstehst oder zumindest glaubst, sie zu verstehen. Die Umstände jedoch ändern sich ständig.Du hättest gerne Deine innere Ruhe dabei, beim Verstehen-Lernen. Die Zeit drängt nicht, aber die Menschen; und es scheint, als hätten diese „Großen“ selbst nie gewusst, warum und wohin überhaupt – all diese Erzieher*innen und Lehrer*innen. Und welche Vorbilder? Sie sind virtuell, meist nur fiktiv und scheinbar ewig. Du aber veränderst Dich ebenso ständig wie die Umstände.

Im weiten Niemandsland zwischen Mutter und Vater wächst Du auf. Passen nicht zusammen, die Probleme wie die Menschen, aber sie ergänzen einander. Es ist vermutlich ein recht verbreitetes Ehe-Leiden: Menschen leiden aneinander und untereinander, kaum miteinander. Sie leiden vor allem jeweils unter den eigenen Kränkungen, in Unaussprechlichkeit isoliert von einander. Gemeinsamkeit entsteht im gegenseitigen Missverstehen. Zwischen den jeweiligen Unverständnissen wirst Du groß, zwischen den Sprachlosigkeiten auf beiden Seiten, dazwischen stehend im lauten Schweigen.

Das ist einer Deiner frühesten Erinnerungen: Du stehst im Kindergarten zwischen der Gruppe der Mädchen und jener der Buben und hast Zugang zu keiner. Du kannst nicht erwarten, dass damals irgendjemand hätte verstehen können, was los war. Die Kinder jedoch, mit ihrer unschuldigen Erbarmungslosigkeit, ahnten vielleicht etwas.Die Erwachsenen boten nicht einmal eine Ahnung. Aus Deiner Sicht blieben sie sprachlos, ohne Begriffe für Dich. Und hätte es an den Feindseligkeiten auch nichts geändert, so wäre es hilfreich gewesen, wenn Du gewusst hättest, wer Deine Feinde sind und warum sie sind.

Für Dich jedoch kamen die Angriffe stets aus dem Nichts. Ein Vorwurf ohne Erklärung, ein Tritt ohne Grund, ein Faustschlag aus der Menge, eine brennende Zigarette an den Hals gedrückt. Dumme Sprüche, dumme Blicke.Als „Mann“ wird von Dir erwartet, Gewalt zu erwarten, sie zu begrüßen und zurück zu schlagen. Aber was ist, wenn Du nur aussiehst wie ein „Mann“? Du kannst nicht zurück schlagen. Im besten Fall hältst Du ihn fest, nimmst ihn in den Schwitzkasten, den coolen Typen, der einen Kopf größer ist als Du. Du lernst, zu überraschen. Das schlägt sie in die Flucht. Aber Du schlägst nicht zurück. Du kannst es nicht. Diese körperliche Gewalt, so scheint es, bleibt ein Monopol der echten Kerle – auch inmitten einer Straßenschlägerei, in die Du Dich nur einmischt, weil der einzige Schwarze dort am Boden liegt und von zwei bis drei Nichtschwarzen getreten wird. Du hältst sie mit Deinem Blick auf Abstand und sie bringen Dir bei, dass Du Dich nicht abwenden darfst. Du lernst, dass manche echten Kerle von ihren Kumpels geprügelt werden und manchmal, wenn Du dem Unterlegenen helfen möchtest, geht auch er auf Dich los.Wer weiß, was sie in Dir sehen? Ein andere Art von „Mann“, den sie fürchten sollten? Oder doch etwas anderes, das noch viel gefährlicher ist – vielleicht die Erinnerung an ein früheres Selbst, das sie irgendwann verloren, während Familie und Gesellschaft sie durch die maskuline Sozialisations-Schablone pressten?

Vor Dir steht eine Masse, die durch die Absperrung zum Ausgang drängen will. Du blockierst den schnellsten Weg, um Chaos und Panik vorzubeugen, das ist Dein Job. Du hältst sie mit ehrlichen Worten auf. Du hast ein Talent dafür. Aber mit Menschen zu sprechen, zu versuchen, sie zu überzeugen, ist auch anstrengend. Es stresst Dich auf einer Ebene, die zwischen Deinen Schläfen liegt. Alles ist gut, so lange Du keine Fehler machst. Aber jedes falsche Wort wird sofort bestraft – das wurde irgendwann irgendwo in Deinem Unterbewusstsein so abgespeichert.

Menschen überanstrengen Dich. Dann musst Du Dich wieder erholen, verkriechen für einige Zeit, in Dein Zimmer, in Deine Fantasien, in die virtuellen Welten billiger Computerspiele.

Du bist kein richtiger Spieler, weil Dir das einsame Zocken stets das Gefühl gibt, Deine Zeit zu verschwenden und dennoch hörst Du nicht auf, zu spielen. Du bist kein richtiger Raucher, weil Du es nicht verträgst, dennoch hast Du lange weiter geraucht. Du bist kein richtiger Trinker, weil Du Deiner Umgebung zu wenig vertraust, um einen Vollrausch oder einen Kater zu riskieren. Zeitverschwendung ist es sowieso. Du bist lediglich süchtig danach, Dich abzulenken und zwar auf möglichst bequeme Art. Vermutlich vom Nachdenken.Keinesfalls bist Du ein „Weiberheld“, auch wenn manche es in Dir sehen möchten, es Dir zuschreiben, weil Du charmant bist, höflich, vielleicht aber auch nur, weil Du Cis-Frauen nicht wie Aliens betrachtest. Du schließt Freundschaften mit ihnen. Warum nicht? Du schließt auch Freundschaften mit Cis-Männern. Und letztlich fühlst Du Dich selbst wie das Alien. Du verstehst erst sehr spät, warum.

Du kannst mit den Komplimenten nichts anfangen. Sie beunruhigen Dich. Und Du versagst dabei, wenn Du etwas zu sagen versuchst, mit dem Du die Anerkennung anderer gewinnen könntest – zumindest in Deiner Vorstellung. Die meiste Zeit kriegst Du den Mund nicht auf, es sei denn, es geht nicht um Deine Gefühle oder um irgendetwas, von dem Du meinst, nicht genug Ahnung zu haben. Du bist eigentlich ein Geek, aber auch kein richtiger, dafür bist Du auf zu vielen Gassen unterwegs und viel zu schlecht in der Schule.

Du denkst Dein Sprechen stets strategisch. Nur wenn das Terrain gesichert ist, wird die Operation durchgeführt. Was Du zu sagen hättest, erscheint Dir selten wichtig genug, um zu riskieren, gegen die Mauer des Schweigens zu rennen oder dieses seltsame Lachen zu hören, das nicht böse gemeint zu sein scheint, aber dennoch böse schmerzt. Auch passierte es früher manchmal, dass Dein Mund einfach aufplatzte – vermutlich, weil sich zu viele unausgesprochene Worte angesammelt hatten – und dann kam tatsächlich nur Peinlichkeit heraus.

Aber im Grunde fürchtest Du den Konflikt. Du bist ein höflicher Mensch geworden, allerdings hast Du viel zu sagen, das andere offenbar nicht hören wollen. Vielleicht weil das die Dinge sind, die Du beobachtest – immer mit einem skeptischen Auge auf dunkle Ecken. Woher hast Du diese Angst?

Du kannst schlecht mit Konflikten umgehen, vor allem gegenüber Menschen, von denen Du möchtest, dass sie sich wohl in Deiner Nähe fühlen. Was ohnehin schwer zu glauben ist, wenn eine innere Stimme Dir meist einredet, dass Du entweder zu viel oder zu wenig, jedenfalls immer falsch wärst für die Anderen.
Da nützt es auch wenig, dass sie Dir Komplimente machen. Die hören sich an wie Widersprüche. Manchmal fühlst Du Dich durch sie verarscht.

Attraktiv fanden Dich auch fremde Männer, die Dich gerne in ihren Autos mitgenommen hätten, als Du durch den morgendlichen Nebel zur Volksschule unterwegs warst. Einer „versteckte“ sich einmal gut sichtbar zwischen den Gebüschen des Waldrandes. Als Du und Dein Freund zur nächsten Mutter liefen, konntet ihr nur die Masturbationsbewegung nachahmen. Ihr hatten noch keine Worte dafür.Erst einige Jahre später finden Dich auch junge Frauen süß. Das ist zwar eine ganz andere Sache. Du reagierst trotzdem sprachlos auf das, was ihnen zufällig in Deiner Hörweite herausrutscht oder auf eine, die plötzlich auf Deinem Schoß sitzt. Und es gibt eine weitere, seltsame Gemeinsamkeit: Sie sprechen alle nicht aus, was sie eigentlich von Dir wollen. Manche dürfen es nicht, andere können es nicht, einige wissen es selbst nicht so genau. Die Menschen und ihre jeweiligen Spielregeln bleiben für Dich verwirrend.

Genauso wie Zockerei, Tabak, Alkohol, Pornografie – macht Dich eines davon menschlicher oder männlicher? Oder einfach nur jugendlich? Alles ist nur Ablenkung vom Wesentlichen wie vom Schmerz, der Dir die Richtung hätte weisen können, aus der alles kommt und in die es gehen könnte.Du kannst Dich nicht orientieren. Du hast gelernt, Dich von Deinen Kränkungen zu distanzieren, vom wegweisenden Schmerz. Du rationalisierst Deine Empfindungen. Du wirst zum Meister der Abgrenzung und Du grenzt Dich auch von anderen Menschen ab, von Deiner Familie, von den Bullies, von den enttäuschenden Vorbildern.

Das klappt, bis Du Dich verliebst und so heftig liebst, dass es Dir nicht mehr möglich ist, Dich abzugrenzen. Weil Du aber nie gelernt hast, ohne Abgrenzung mit anderen zu sein, wahrhaftig zu sein, offen und verletzlich, bist Du auf einmal völlig überfordert in dieser lange ersehnten Glückseligkeit. Immer noch rationalisierst Du Deine Empfindungen. Das hilft Dir auf dem halben Weg. Auf dem übrigen Weg lässt es Dich immer wieder auf die Schnauze fallen.

Es folgen wieder (und immer wieder) Jahre der Einsamkeit. Du erlebst zwei schlafgestörte Jahrzehnte – mal weniger, mal sehr viel mehr.

Während Du Dir früher vielleicht zu wenige Gedanken über Deine Liebschaften gemacht hast, machst Du Dir mittlerweile zu viele. Offenbar bräuchte es eine Balance zwischen Denken und Fühlen, wenn Du nicht die Gemeinsamkeit ebenso wie das Alleinsein auf die eine oder andere Weise verkacken willst. Ein rollender Stein hält schlecht die Balance.Die Einsamkeit drängt Dich in die Falle Deiner Loyalität, Deines Pflichtgefühls. Du hörst die Sirenen der Gelegenheit. Willst Freundschaften nicht gefährden und Konflikte vermeiden, schiebst beides jedoch nur auf, lange genug, um Dich selbst vollkommen in der Welt der Online-Computerspiele zu verlieren. Zuerst fühlt es sich befreiend an, Dir endlich einmal diesen fantastischen Unsinn zu gönnen. Das hält nicht lange. Menschen gehen Dir online sogar noch mehr auf die Nerven.

Die erneute Befreiung erfolgt wie immer durch einen Gewaltakt, geschmolzene CDs in der Mikrowelle. Im selben Jahr musst Du Deine Katze einschläfern lassen. Und irgendwann bist auch Du am Ende.

Diesmal jedoch rettet Dir Dein Verantwortungsgefühl, das Dich so oft in die Falle lockte, das Leben. Du beginnst eine neue Paarbeziehung unter falschen Voraussetzungen und rationalisierst Dich durch sie hindurch bis zum Gehtnichtmehr. Das ist schlecht. Gut ist allerdings, dass Du jetzt Stiefvater bist. Und Du bleibst es, mit oder ohne Paarbeziehung. Es bleibt auch die beste Entscheidung Deines Lebens.

Vielleicht könntest Du auch Dir selbst gegenüber etwas fürsorglicher sein. Es scheint Dir gegenüber diesem jungen Leben nicht schwer zu fallen. Du lernst zu meditieren, während Dein Kind neben Dir einschläft. Du beginnst, die Gutenachtgeschichten Deiner Oma zu neuem Leben zu erwecken.

Aber auch der Schmerz bleibt und die Einsamkeit kehrt immer wieder. Die ungewöhnliche Vaterschaft macht Barrieren und Kränkungen sichtbar. Und all das lässt Dich selbst dann nicht los, wenn Du mit jemanden erneut in großer Zuneigung, bald Liebe, zusammen findest – wieder einmal mit einer Frau, mit der Du bereits befreundet warst. Da war irgendwie immer dieses berühmt-berüchtigte Mehr. Und es beruht auf echter Gegenseitigkeit, eine Balance. Das wirkt wie ein Wunder.

An ihrer Seite gehst Du den Weg weiter, den Du kurz zuvor begonnen hast. Du entdeckst Deine Bisexualität wieder, den befreienden Mut zur eigenen Femininität, Dein Genderqueer-Sein. Du lernst die Sicherheit im eigenen Fallenlassen kennen, lernst, dass Du Flügel hast. Früher hattest Du bloß an der Oberfläche gekratzt. Jetzt ist das Wasser eisfrei. Und Du erkennst den Wahnsinn, der in der langen Unterdrückung all dieser Dinge lag. Wie konntest Du es so lange nicht bemerken, nicht begreifen?

Manchmal hast Du noch das Gefühl, nichts richtig machen zu können. In Wirklichkeit machst Du vieles richtig. Aber jeder kleinste Fehltritt, jede Ungeschicklichkeit, jede Kränkung, die Du verursachst, lässt Dich sehr schnell verzweifeln, zumindest dann, wenn Du bereits geschwächt bist. Wenn jemand oder etwas Deine gewissen Auslöser gedrückt hat.Düsternis umgibt Dich dann. Der konstante Schmerz verdrängt jede andere Empfindung. Du wirst numb, aber nicht comfortably. Erneut verlierst Du Zugang zu Deinen femininen Qualitäten. Zurück bleibt die Panzerhülle Deiner Maskulinität.

Ein Trigger im Nebel der großen Angst: Entweder Du bist zu viel oder zu wenig, aber jedenfalls bist Du niemals richtig. Ein weiterer Trigger: Sexuelle Gewalt, gerade in ihren subtilsten Formen, jene, die in den dunklen Ecken des Unbewusstseins lauert, jenes Ungleichgewicht und Ungerechtigkeit vor allem zwischen den Cis-Geschlechtern zwischen den Heteronormen, mit denen auch Du aufgewachsen bist.

Da ist sie! Du stößt auf sie wie ein vergesslicher Pirat auf seine eigene, von ihm selbst vergrabene Schatztruhe: Internalisierte Männerangst. Es waren zu viele X auf der verdammten Karte und die Karte war ein Buch über die Geschichte des Patriarchats.

C-PTSD, komplexe posttraumatische Belastungsstörung, findest Du außerdem heraus. Woher kommt sie? Es ist komplex, das ist das Problem. Ein Minderwertigkeitskomplex außerdem. Du lenkst Dich ab. Du machst den Haushalt.

Allerdings überanstrengt es Dich wieder zunehmend, einfach nur durch die Stadt zu fahren. Sozialphobie und Agoraphobie teilen sich die Bleibe. Es wird unübersichtlich in Deiner Brust. Das ist schlecht, aber auch gut. Es kommt immer darauf an, in dieser wahnsinnigen Komplexität. Es ist gut, wenn Dich die Überanstrengung zur notwendigen Pause zwingt.Da gibt es Zeiten, in denen Du Dir wünscht, den Verstand zu verlieren. Aber dann siehst Du Dir die Menschheit an und musst zugeben, dass das offensichtlich auch keine Lösung wäre.

Die ganze Welt ist komplex, ebenso ihre globalisierten Krisen. Die Sichtbarmachung der Illusion, die wir „Normalität“ nennen, hingegen ist einfach. Desillusionierung passiert schnell, kann schmerzhaft sein. Viele wollen sie immer noch nicht wahrhaben. Und erwachsene Menschen beginnen eine zweite Pubertät ohne Wachstum und Wandel, aber mit viel Trotz. Die Einen wollen sich selbst verbessern. Die Anderen wollen andere verbessern. Und Du stehst wie immer dazwischen.

Was aber ist das Bessere? Was ist richtig, was ist falsch? Was ist legitimes Fühlen oder Denken? Was ist nur Ausdruck Deiner Entwicklungstraumata, Deiner automatisierten Bewältigungsstrategien, Deiner Verhaltensmuster? Wann muss Du Dir eingestehen, dass Du ein Problem hast? Wann wirst Du feststellen, dass das auch nicht ausreicht?

Wann wird Dein Problem benützt, um Dich, Deine Bedürfnisse und deren Ausdruck zu pathologisieren, Dich zu manipulieren? Du hast Angst davor. Die kleinsten Anzeichen können Dich triggern, wenn es um Menschen geht, denen Du nahe stehst vor allem. Dann wirken diese Schatten, die sie werfen, besonders groß und besonders schrecklich. Die Schatten, die Du selbst projizierst, ebenso.Nicht nur das Wetter, die ganze Welt scheint extremer zu werden. Menschen, die sich immer nur selbst verbessern wollen, beginnen irgendwann, sich selbst zu zerfleischen. Jene, die ewig andere verbessern wollen, werden am Ende – verkürzt gesagt – zu Faschist*innen. Zu Menschenfresser*innen werden sie alle.Große, manipulierende Männer erheben sich wie die Eiterbeulen einer martialisch geprägten Gesellschaft, wo die Ersteren lange nicht hinsahen und die Zweiteren sich den starken Führer wünschen, der alle hinwegfege, die es wagten, sich nicht verbessern zu lassen durch Gewalt und Ohnmacht. Natürlich gibt es auch jene, die immer schlecht bleiben müssen, als Objekte der eigenen Selbsterhöhung für das gekränkte Ego.Verbergen sich Freund*innen in Deinen Feind*innen und Feind*innen in Deinen Freund*innen? Manchmal? Und wissen sie selbst Bescheid?

Ist die Belastungsstörung komplex? Oder sind es nur deren Ursachen?

Es gibt eine sehr simple Ahnung, die sich manchmal wie eine Wahrheit anfühlt, wenn es Dir besser geht. Wie Selbstliebe fühlt sie sich an.

Aber wie kommst Du an sie heran? Wie kannst Du Liebe empfinden im Angesicht des ganzen Hasses, des Schmerzes, der Erniedrigung und Gewalt? In dieser Welt der Extreme, mit Klimakrise und Artensterben, dem Ultrakapitalismus mit seinen diktatorischen Aufschwüngen, den knapper werdenden Ressourcen, der eingeengten, niedergebrannten, verseuchten und schrumpfenden Wildnis, den Nuklearwaffenarsenalen und Atomendlagern überall und nebenbei gibt es eine Pandemie, die alle noch verrückter macht – wie lässt sich da die Hoffnung bewahren? Und wozu überhaupt? Weil sie in der Liebe lebt, wenn sie auch überall sonst vergeht?Was ist der Sinn Deiner Existenz in all dem? Bei all diesen Problemen? Mit all der Schwere der Vergangenheit auf Deinem Rücken, die Dich manchmal so müde macht? Nach scheinbar so viel mit Angst, Schmerz und Einsamkeit vergeudeter Lebenszeit? Im Angesicht von Zukunftsprognosen, die Optimismus zu einem Leistungssport machen?

Das ist die entscheidende Frage des Überlebens, die zugleich eine Frage ist nach mehr. Das Überleben ist nicht nackt. Es braucht den Lebenssinn wie wir unsere Kleidung. Was wie bloße Hülle erscheint, ist mehr, ist schützend, bewahrend, zeigend und erzählend. Vielleicht ist der Lebenssinn auch wie unsere Haut, wie die Atmosphäre unseres Planeten. Was uns umgibt, durchdringt unser Sein. Der Sinn ist Atem. Du weißt, danach musst Du suchen.

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