Turnschuhe

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Am Montag, dem 19. April 2021 wurde Dr. Wolfgang Mückstein (Grüne) als neuer österreichischer Gesundheitsminister angelobt. Das herausragende Thema in vielen („sozialen“) Medien: Er trug dabei (weiße) Turnschuhe. Oder waren es doch Sneakers? Nicht nur weil wir uns gerade auf einem Wellengipfel dieser Pandemie befinden und der letzte Gesundheitsminister wegen Überarbeitung zurücktreten musste, ist dieser modische Fokus bemerkenswert. Er sagt natürlich nichts über den neuen Minister aus, sehr wohl aber über den Zustand jenes Menschengemenges, das man Öffentlichkeit nennt. Oder geht es doch vielmehr um die Wahrnehmung der öffentlichkeitswirksamen Meinungsmacher*innen?

Natürlich könnte es sich beim Augenmerk, auf das Schuhwerk Mücksteins, um einen dieser reinen Selbstläufer handeln, wie sie online öfter vorkommen. Irgendjemand merkt ein solches Detail an, weil es sonst nicht Interessantes zu tun gibt. Andere wundern oder beklagen sich darüber, es gebe schließlich Interessanteres zu tun. Dadurch bekommt die Online-Öffentlichkeit den Eindruck, dass das ganze Land nur noch darüber diskutiere.

Allerdings gibt es auch politische Gegner_innen der Grünen bzw. der Regierung, die diese Sensations-Blase tatsächlich für ihre Zwecke nützen wollen, indem sie z.B. Mückstein aufgrund seiner Fußbekleidung die Ministerwürde absprechen möchten. Auch das sagt selbstverständlich nur etwas über die Menschen aus, die solche Vorwürfe machen.

Mich persönlich erstaunt vor allem, dass sich Menschen über Mücksteins Schuhe erregen, die vor zehn, zwanzig oder dreißig Jahren noch jung waren. Aber selbst wenn jemand zu den Alt-68ern gehört, hätte er*sie kaum einen Grund dazu, der sich mit kultureller Prägung entschuldigen ließe.

Ich stelle fest, dass ich den Kritiker*innen vorwerfen möchte, sich einen anachronistischen Konservativismus anzueignen, um ihrer Oberflächlichkeit eine vermeintliche Legitimation zu verleihen. Aber dann fällt mir ein, dass eben diese Oberflächlichkeit genauso zeitlos erscheint wie die Tatsache, dass man Menschen nur geringfügig ihrer Kleidung nach beurteilen kann.

Der Spruch „Kleider machen Leute“ bezieht sich nicht auf die Persönlichkeit, sondern auf die Perzeption. Leute werden innerhalb einer Öffentlichkeit „gemacht“, indem andere ihnen gewisse Eigenschaften zuschreiben. Das dient durchaus der Unterhaltung von Menschen, denen ansonsten langweilig im Leben wäre und solange die so gemachten Leute keine wichtigen Funktionen in der Gesellschaft einnehmen.
Spätestens mit dem Trumpismus sollte jede*r erkannt haben, dass dieser Spaß auch ein Ende haben kann. Unsere Wahrnehmung seines Krawatten-Kostüms macht in Wirklichkeit doch keinen anderen Menschen aus einem schlechten Menschen.

Deshalb laufen Ärzt*innen, Pfleger*innen, Lehrer*innen, Mitarbeiter*innen der Müllabfuhr oder der Wasserwerke und ähnliche Berufsgruppen, auch sämtliche Bäuer*innen, Handwerker*innen oder Lieferant*innen, Bauarbeiter*innen, Reinigungs- und Sicherheitskräfte nicht in Blazer oder Sakko durch die Arbeitswelt, sondern tragen Funktionskleidung – Kleidung also die nur geringfügig, wenn überhaupt, durch Modetrends bestimmt wird.

Wenn man sich aber fragt, was die Funktion der Kleidung ist, die Politiker*innen normalerweise tragen, liefert der gebräuchliche Begriff Business-Anzug einen wichtigen Hinweis. Es geht in der Politik offenbar ums Geschäft und die angebrachte Kleidung angebrachter Politiker*innen, soll dies irgendwie zum Ausdruck bringen – vermutlich symbolisch, z.B. durch die Krawatte, auch Kulturgalgen genannt, der möglicherweise an die Lynchjustiz des Pöbels gemahnen soll.

Mit dem Zweck eines zeremoniellen Charakters kann die berufspolitische Tracht nämlich nichts zu tun haben, auch wenn es sich bei einer Minister-Angelobung, vielleicht auch bei parlamentarischen Sitzungen, gewissermaßen um Zeremonien bzw. etwas Zeremonielles handelt. Denn Geschäftsanzüge werden auch außerhalb der Berufspolitik getragen, während zeremonielles Gewand sich in der Regel dadurch auszeichnet, dass es eigens für eine bestimmte Zeremonie geschneidert wird.

Der Wiener Ausdruck 1er-Panier kommt der Sache schon näher. Bei wichtigen und feierlichen Ereignissen tragen Menschen ihr bestes Gewand, wobei sich sich das Beste gemeinhin auf die Anschaffungskosten bezieht. Auch hier kann man zwar einerseits anmerken, dass das tägliche Geschäft von Abgeordneten und Regierungsmitgliedern nicht immer so wichtig und feierlich wirkt, wie es die Panier vorgeben möchte. Andererseits kann es durchaus sein, dass jene weißen Sneaker Wolfgang Mücksteins besten und vielleicht auch teuersten Schuhe sind. Mancherorts sind Menschen ganz verrückt nach Turnpatschen bestimmter Marken.

Davon hat die fashion police vermutlich keine Ahnung. Aber wovon hat Mode überhaupt eine Ahnung? Wie kann es sein, dass das, was in den 1990er-Jahren als das Beste und Schönste und eines Ministers Würdigste galt, heute viel zu breite Schulterpolster hätte? Und wo sind eigentlich die gepuderten Perücken hin verschwunden? Und die hohen Absätze für Männer?
Wie könnte das Beste, Schönste und Würdigste nicht zeitlos Gültigkeit besitzen? Wir sehen es doch am Schönen und Guten in der Natur, das Menschen besingen, seit es Poesie gibt. Blüten, Schmetterlinge, Vogelgesang – das ist zeitlos schön. Klares Wasser, saftiges Grün, liebe Menschen – das ist zeitlos gut.

Davon scheinen fashion trends allerdings nichts zu wissen. Kann es daher sein, dass auch die Mode der würdevollen Geschäftemacherei nichts anderes ist, als ein kollektives Zufallsprodukt? Das Ergebnis einer Weiterentwicklung vorangegangener Modeaspekte durch eine Macht, hinter der niemand steckt, die niemand wirklich kennen kann, und die in der Öffentlichkeit dennoch so viel mitzureden hat?

Warum gilt ein schwarzer Kunstlederschuh als würdevoll, ein weißer Kunststoffschuh aber nicht? Weil Berufspolitiker*innen vielmehr echtes Leder an den Füßen haben? Wer könnte im Fernsehen, auf Distanz, den Unterschied erkennen?

Bei genauerer Betrachtung unterscheiden sich beide Schuharten nur geringfügig. Der entscheidende Unterschied liegt darin, dass die Turnschuhe sicherlich bequemer und gesünder für das Fußbett und damit auch besser für die Wirbelsäule sind. Und das ist eines Gesundheitsministers sicher würdig.

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