Überlebenssinnsuche 2: Trost

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Zurückgeworfen auf das Ich.

Im ersten Teil dieses Blogs schrieb ich über die Mühen, Leiden und Probleme in meiner eigenen Biografie. Ich übertrug das alles auf ein Du. Diese Übertragung schuf eine Distanz zu meinem Ego, die mir bei dieser Reflexion sinnvoll und effektiv erschien. Sie fühlte sich richtig an. Ich schrieb es zwar für mich selbst nieder, um es im Schreiben zu vertiefen. Aber vielleicht finden sich manche von euch teilweise von diesem Du angesprochen und darin wieder.

Ich frage mich oft, wie mit gewissen Krisen und Katastrophen emotional und mental umgehen soll – mit den inneren oder den globalen – vor allem dann, wenn vieles hoffnungslos erscheint. Und was wäre, wenn wir tatsächlich ohne Hoffnung bleiben müssten? Wenn alles Schreckliche, das wir fürchten, gewiss eintreten würde?

Viele Menschen wenden sich in so einem Fall an etwas Göttliches. Nach dem Vorbild gewisser Religionen suchen sie es im Äußeren, in einer gewissen Distanz zu jener Welt und Körperlichkeit, in der sie die akuten Leiden erleben. Sie finden in der Vorstellung von etwas Höheren, Besseren Stärke und Trost.

Religionen funktionierten für mich leider nicht. Allerdings stieß ich irgendwann, in einer meiner schwierigeren Phasen, auf Boethius und seinen „Trost der Philosophie“. Und wenn ich auch anfänglich ein wenig befremdet war von der merkwürdigen, veralteten Sprachlichkeit, entfaltete das Buch, während ich es las – ganz so wie es wohl gedacht war – nach und nach eine tröstende Wirkung.

Boethius wusste auch, wovon er schrieb. Immerhin verfasste er in Kerkergefangenschaft, während er auf seine Hinrichtung wartete. Das verleiht seinen Worten gewiss eine eindrückliche Authentizität, die für diese Wirksamkeit sorgt, egal wie sonderbar sie sich für uns, in unserer Zeit und nach der Übersetzung ins Deutsche, vielleicht anhören.

Auch Senecas Worte wirken tröstend, sicherlich weil auch er es nötig hatte, Hilfe in der Philosophie zu finden. Auch er dürfte ein ziemlich stressiges Leben geführt haben, an dessen Ende er von Kaiser Nero genötigt wurde, sich selbst die Pulsadern aufzuschneiden. Angeblich blieb er dabei stoisch bis zum Schluss. Wirkt das Zeug also, diese Philosophie?

Stoizismus? Wenn mensch in der Lage wäre, sich nicht mehr von den Leidenschaften, besser gesagt von sämtlichen Emotionen negativ beeinflussen zu lassen? Dummerweise kann mir keiner der großen Stoiker so genau erklären, wie ich das erreichen könnte.

Und warum sollte ich das überhaupt wollen? Ich habe bereits einiges an Leid in meinem Leben erfahren, indemich versuchte, meine Emotionen zu rationalisieren. Ich dachte, damit jene Probleme zu lösen, mit denen die Empfindungen zusammen hingen bzw. von denen sie ausgelöst wurden. Als wären die Emotionen und Gefühle selbst das Problem gewesen.

Wenn Emotionen und Leidenschaften das Problem wären, wäre es dann nicht am besten, nichts mehr zu empfinden, außer notwendige Signale, die dafür sorgen, dass wir uns nicht verletzen oder vergessen, uns mit dem Notwendigsten zu versorgen und regelmäßig die Zähne zu putzen?

So war das mit dem Stoizismus wahrscheinlich auch gar nicht gemeint. Auch wenn ich, sobald ich in die alten Texte (bzw. deren Übersetzungen) hinein lese, immer wieder den Eindruck bekomme, dass hier verletzte Seelen am Werken waren, die durchaus mit ihren Empfindungen haderten – ausgelöst von negativen Ereignissen, die sie nicht verhindern konnten.

Es schienen Seelen gewesen zu sein, von denen erwartet wurde, „richtige Männer“ – natürlich nach römischen Vorbild – darzustellen; die versuchten, einen Weg zu finden, mit dem Erwartungsdruck dieses Ideals zurecht zu kommen. Jedenfalls scheint ihre Philosophie den Versuch widerzuspiegeln, in jeder noch so schwierigen Lebenslage wenigstens die Würde, die mit antiken Männeridealen verbunden wurde, zu bewahren.

Ich kann das gut verstehen. Wer will das nicht? So abstrakt der Begriff der Würde auch manchmal erscheint, die Menschenwürde wird sicher nicht zum Spaß als unantastbar beschrieben. Ein so hohes Gut stellt sie offenbar dar.

Dass mir Marcus Aurelius so dermaßen streng erscheint, hat vielleicht mit seinem Job als römischer Kaiser zu tun. Und Epiktets stoische Lehren machen mehr Sinn, wenn mensch bedenkt, dass er ein Sklave war. Es ist eben nicht möglich, die Philosophie von den jeweiligen Lebenswirklichkeiten der Philosoph*innenzu trennen – oder vom jeweiligen Zeitgeist, egal ob sie in ihm, mit ihm oder gegen ihn denken.

Sokrates wirkt für mich allerdings manchmal wie aus der Zeit gefallen. Ich kann nicht genau sagen, warum. Auch wenn er ebenfalls hingerichtet wurde. Er wollte es angeblich sogar, bevor er hätte in die Verbannung gehen müssen, der alte Sturkopf.

Hier ging es vermutlich, wie manche sagen, auch ums Prinzip. Für Hannah Arendt war dieser Schritt so etwas wie angewandte Philosophie – diese müsse auch Beispiele setzen, sonst sei sie nicht viel wert, leitete sie von Nietzsche ab. Aber ich glaube, es ging Sokrates ebenso um seine Würde.

Aber warum schreibe ich über Würde, wenn es mir eigentlich um Trost geht? Stimmt es etwa, dass die menschliche Würde unantastbar ist? Dass sie mir also nicht genommen werden kann, selbst wenn ich alles andere verlieren würde? Job, Wohnung, Partner*innen, Freund*innen, Freiheit, Unversehrtheit – so wie es manchen der erwähnten Philosophen erging, die in ihren Gedanken ebenso nach einer unantastbaren Sicherheit strebten?

Das Unantastbare – ist das nicht vergleichbar mit dem Göttlichen? Und woher weiß ich, dass ich es selbst antasten könnte? Vielleicht liegt es außerhalb meiner eigenen Reichweite? So wie eine gewisse Vorstellung von Gott – das, was nicht zu begreifen ist?

Der Tod ist ebenfalls nicht wirklich zu begreifen, auch wenn er wenigstens erreichbar ist. Da ich aber über ihn – oder das, was nach dem Leben mit meinem Ich passiert – genauso wenig wissen oder verstehen kann wie über Gott, macht es für mich nicht sehr viel Sinn, über ihn nachzudenken. Diese Gedanken würden ins Uferlose geraten.

Zumindest denke nicht in dem Augenblick an Unbegreifliches, wenn ich nach Trost im Leben suche, nach etwas, an dem ich mich anhalten kann. Denn der Tod kommt ganz von alleine und das gratis (abgesehen von den Beerdigungskosten). „Der Tod geht uns nichts an.“, schrieb Epikur.

Gerade deshalb bieten der sokratische und die stoischen Tode berühmter Philosophen, die sich mit der Frage befassten, wie mensch leben sollte, nicht unbedingt Trost. Es waren alte Männer, die schon den Großteil ihres Lebens gelebt hatten und – wenn auch der Tod sie nichts anging – ihr Sterben betraf nur sie selbst.

Ich – und ich bin überzeugt – wir alle, leben allerdings nicht nur für uns allein. Zwar gibt es Gedanken-Strömungen, die von einem gesunden Egoismus ausgehen, der das Ego zum Zentrum des wahrgenommenen Universums erklärt und die stark verknüpft sind mit ökonomischen Pseudowissenschaften und wirtschaftspolitischen Glaubensrichtungen Aber die Große Mutter (Natur) machte uns zu Geschöpfen, die ohne die soziale und intime Bindung zu anderen Menschen keinesfalls gesund und glücklich sein können.
Wir leben, wenn wir menschlich leben, nicht nur in einer materiellen Abhängigkeit von anderen. Und wie es der katholische Lieblingspfarrer meiner Jugend einmal in etwa formulierte: „Gott, ich danke Dir, dass ich andere Menschen brauche!

Amen! Die schönsten menschlichen Aktivitäten beziehen sich auf diese Abhängigkeit, auf die Tatsache, dass der Mensch ein soziales Wesen ist.

Wie also kann ich, als allzu menschlicher Mensch, der den Willen nicht aufbringt, sich völlig von der Welt abzuwenden, Trost finden, wenn Leid, Krisen und Katastrophen über andere Menschen hereinbrechen? Wenn ich bereits unter der Tatsache mit-leide, dass andere Menschen, die mir nahe stehen, die ich liebe, in der Vergangenheit gelitten haben. Vor allem, wenn sie unter etwas litten, dass ich persönlich besonders, vielleicht sogar als schrecklicher empfinde, als die geliebte Person selbst?

Wie also kann ich Trost gegenüber Leiden finden, dessen Ursachen und Auswirkungen sich meiner persönlichen Kontrolle entziehen, das mir aber dennoch beinahe so nahe geht, als hätte ich es selbst erfahren?

In diesem Fall half mir die Psychologie weiter, vor allem jene von Verena Kast, die über Verschattung und Projektion schrieb. Denn das Mit-Leiden oder stellvertretende Leiden hält sich in Grenzen, wenn ich mir bewusst mache, wie das tatsächliche Leiden der anderen Person beschaffen ist und was mein eigenes Leiden im Leiden der anderen Person ist – beispielsweise durch eigene traumatische Erinnerungen, die ich mit diesem fremden Leiden verknüpfe.

Und dieses Mitleiden geschieht auch deshalb, weil wir emotional starke Verbindungen mit Menschen eingehen, mit denen wir in intimen Beziehungen leben, die zu unseren Bezugspersonen werden. Es scheint also bis zu einem gewissen Grad natürlich zu sein, wenn wir mit unseren Empfindungen umgehen können. (Auch wenn der Begriff des Mitleids scheinbar in Verruf geraten ist und durch Empathie ersetzt wird. Vermutlich, weil sich viele Menschen dafür fürchten, über das Leiden mit einem Opferstatus belegt zu werden, den sie für untragbar halten und den sie auch anderen nicht „unterstellen“ wollen.)

An dieser Stelle könnte ich ewig über die Natur unserer Beziehungen schwafeln und auch darüber, warum sich die vermeintlichen Nachteile solcher Bindungen letztlich immer lohnen, solange mensch sich der Bedeutung des richtigen Maßes bewusst bleibt. Aber die wesentliche Überlegung in dieser Sache ist vermutlich, dass es eben nicht wirklich darauf ankommt, ob ich persönlich oder ein geliebter Mensch oder die gesamte Menschheit betroffen ist, wenn es um die Frage nach dem Trost angesichts schier aussichtsloser Zustände in der Welt geht.

Wenn ich meine persönliche Leidensgeschichte (und unbewussten Komplexe) auf andere Menschen projizieren kann, dann vielleicht auch jenen persönlichen philosophischen Prozess, der Boethius Trost spendete; der Seneca aussagen ließ, er habe genug gelebt und der Sokrates die Überzeugung gab, es sei besser, Leid durch andere zu erfahren als anderen Leid zu zufügen.

Ich komme zurück auf die Würde. Was ist das überhaupt? Vermutlich eben jener Teil in uns, der tatsächlich „unantastbar“, also unzerstörbar ist. Geht es um die Seele? Geht es letztlich um das Seelenheil, wenn wir nach Trost suchen?

Denn den Körper kann ich auf Dauer ohnehin nicht retten. Und der Geist kann sich sogar schon früher verabschieden. Die Seele aber… Was ist das für ein Begriff? Gibt es die Seele überhaupt und wenn ja, was ist sie? Etwa die Psyche? Ein Produkt unseres neurologischer Prozesse?

Ich kann das nicht beantworten. Aber ich glaube, wenn wir von Seele und Seelenheil sprechen, dass wir dann zugleich den Begriff der Menschlichkeit mitdenken. Das, was mich menschlich macht, ist nicht bloß eine Abgrenzung zum Tierischen. Das Tierische und Menschliche steht in keinem Widerspruch zueinander. Wir sind – mit unserer gesamten menschlichen Kultur, die uns so einzigartig macht – aus Tieren hervorgegangen und der Übergang war fließend. Wie will mensch den Regen vom Meer trennen? Alles ist Wasser und alles ist Teil des selben Kreislaufs. Das Eine geht in das Andere über. Was ist aber der wesentliche Unterschied zwischen diesem und jenem Bereich des Flusses?

Menschsein ist eine Selbstbehauptung. Wir sind Menschen, weil wir behaupten können, Menschen zu sein (zwar kollektiv, als Menschheit). Auch kann ich allein behaupten, eine Seele zu haben, selbst wenn ich nicht weiß, wie genau sie beschaffen ist.

Die Psyche äußert sich in Empfindungen, in bestimmten Auswirkungen auf mein Verhalten und meiner Wahrnehmung. Ich nehme etwas wahr, das wir Psyche nennen, kann aber nur diesen Teil ihrer Wirklichkeit erfassen. Wenn ich sie Seele nenne, weiß ich auch nicht mehr (oder weniger).

Geht es darum, glücklich zu sein und bedeutet Glücklichsein oder Zufriedenheit die Abwesenheit von Leid auf psychischer/seelischer Ebene? Hat Trost die Aufgabe, mich in dieser Weise (wieder) glücklich zu machen, indem er das seelische Leiden beseitigt?

In der Theorie vielleicht, aber in der Praxis scheint das nicht so glatt zu funktionieren. Gewisse Dinge kann mensch sich nicht ausdenken, die müssen persönlich erfahren werden.
Wenn ich leide, hilft Trost, allerdings nicht, indem er das Leid vollkommen auflöst. Er mindert es, indem er die Perspektiven auf die Ursache meines Leidens ergänzt oder erweitert.

Wenn mich jemand tröstet, spricht er*sie oft davon, dass ich die Dinge auch anders sehen könne, dass es so oder so schlimmer sein könnte oder dass das Leiden bald wieder vergehen würde, auch wenn es sich im Augenblick nicht danach anfühlt.

Das Leid, das ich empfinde, bewirkt, dass ich Perspektiven und Klarheit einbüße. Meine Selbstwahrnehmung sowie die Wahrnehmung der Welt wird durch den Schmerz gestört und verwirrt mich. Ich verliere das Gefühl der Verbindung zu mir und zu anderen. Trost kann hierbei auf verschiedenen Wegen helfen.

Jemand kann mit mir sprechen und mich an eine klare Sichtweise, die ich vielleicht selbst zuvor noch hatte, erinnern oder mir eine neue beibringen.

Jemand kann mich in die Arme nehmen und mir ein Gefühl von Geborgenheit, Zugehörigkeit, und Verbundenheit (mit anderen Menschen oder mit der Welt) geben, das ich verlor.

Jemand kann mir etwas geben, dessen Abwesenheit mein Leiden auslöste.

Vielleicht ist der Trost dadurch auch in der Lage, mir für eine Weile das Leiden zu nehmen. Vielleicht kann er die Ursachen des Leides dauerhaft beseitigen. Aber das ginge vermutlich über den reinen Trost hinaus und wir könnten es Heilung oder Problemlösung nennen.

Schwer zu glauben, dass so etwas bald passieren wird, wenn ich mir die Welt ansehe. Wie finden ich also Trost im Angesicht von Korruption, Diktaturen, Artensterben, Klimakrise und Covid-19-Pandemie? Gegenüber all dem mensch-gemachten Grauen? Im Angesicht von Menschen in meinem Umfeld, die darunter leiden, von vielen, die zunehmend den Verstand – jedenfalls die Hoffnung – zu verlieren scheinen? Wie kann Trost, trotz des ganzen Leides in der Welt, zu Seelenheil führen? Wie kann es uns unser Gefühl von Würde zurückgeben?

Boethius und die alten Stoiker versuchten es mit alternativen Perspektiven auf das Unausweichliche. Was kann ich wirklich verlieren? Am Ende ist alles Sternstaub. Ich tat alles, um meine Würde zu bewahren, das heißt übersetzt ins Stoische vermutlich, dass ich nicht den Verstand verlor – auch wenn ich es mir manchmal wünschte.

Und die Leiden der Anderen? Worüber habe ich denn wirklich Kontrolle, was kann ich beeinflussen? Muss ich nicht „einfach“ akzeptieren, dass es Dinge gibt, die ich nicht ändern oder verhindern kann?

Klar. Das ist auch nicht neu.

Aber besonders befriedigend fühlt sich dieser Weg der bewussten Wurschtigkeit auch nicht an.

Vielleicht will ich auch nicht immer Trost finden. Vielleicht brauche ich den bebenden Schmerz manchmal, um mich mit gewissen Dingen eben nicht abzufinden, um zu probieren, was auch ohne Hoffnung noch geht. Vielleicht muss ich das Leiden, auch das unausweichliche, manchmal annehmen und erleben wie es ist.

Vielleicht manchmal.

Dann aber finde ich vielleicht gerade dadurch Trost, weil ich im Mit-Leiden, in der rasenden Wut gegenüber der Ungerechtigkeit, die anderen angetan wurde – die ich nicht verhindern konnte und auch in Zukunft nicht verhindern werde können – wenigstens Rache schwören kann: Ein erweiterte Perspektive auf eine mögliche Gelegenheit in ungewisser Zukunft, in der ich etwas gegen die Ungerechtigkeit unternehmen könnte. Ein Stück selbstgebastelte Hoffnung auf irgendeine Handlungsmöglichkeit.

Möglicherweise finde ich Trost, indem ich mir das Leiden vollkommen klar mache, indem ich es von den störenden Einflüssen auf meine Wahrnehmung befreie und als das erkenne, was es ist; indem ich mich selbst darin und meine Rolle und ihre Zusammenhänge in der Wirklichkeit der Welt erkenne? Vielleicht erlaubt mir die Klarheit des Leidens, alte Bewältigungs-Automatismen zu überwinden, die verhinderten, genau zu erkennen, wie sehr, woran und wodurch ich wirklich leide.

Vielleicht tröstet mich die Erkenntnis. Vielleicht tröstet es, zu erkennen, warum ich bei den Problemen anderer, und bei manchen mehr als bei anderen, so stark mit-leide, als würde mir das, was ihnen geschieht, selbst geschehen. Manchmal erscheint es mir sogar schlimmer, weil es sich, wie gesagt, meiner Kontrolle, meinen Handlungsmöglichkeiten entzieht.
Unter Umständen tröstet die Erkenntnis darüber, was mein Leid im Leiden anderer eigentlich ist. Möglicherweise tröstet auch die Erkenntnis, die mir erlaubt, wieder zu mir selbst zurück zu finden und mich dadurch selbst besser gegen die Ursachen des Leidens behaupten zu können.

Denn was bleibt, wenn wir nicht an den Tod denken – der vielleicht nicht mehr ist, als die Abwesenheit von Leben? Wenn wir unser Leben in diesem Universum nicht als klein und unbedeutend relativieren? Wenn wir uns auf unser Sein im Hier & Jetzt beschränken? Welchen Trost können wir dann erhoffen? Was ist es, das getröstet werden soll?

Ich hörte unlängst wieder, dass die wichtigste Frage in der Philosophie jene nach dem Sinn des Lebens und diese letztlich die Frage nach Gott sei.

Meines Erachtens ist die wesentliche oder zumindest erste Frage in der Philosophie, die Frage nach unserem Selbst. „Erkenne dich selbst“, soll über dem Eingang (am Apollotempel) zum Orakel von Delphi gestanden haben, als Sokrates es besuchte.

Ich glaube, damit fängt alles an – nicht nur die nach-sokratische Philosophie. Sofern es einen Sinn im Leben gibt, ist es einer, den wir uns selbst geben müssen, den wir also nur erkennen können, wenn wir uns selbst erkennen. Damit einher geht auch das Erkennen unseres Seins in der Welt, was notwendig macht, die Welt an sich zu erkennen. „Einander erkennen“, ist eine wunderschöne wie zutreffende Umschreibung für Liebe(-Machen).

Was bedeutet es, etwas zu erkennen? Einfach wahrzunehmen, was ist, nehme ich an. Es spielt dabei keine Rolle, wir groß der Ausschnitt der Realität ist, den ich überhaupt wahrnehmen kann. Oder ob meine Wahrnehmung rational oder emotional definiert ist.

Alles fließt ineinander, alles ist mit einander verbunden: Denken und Fühlen, Andere und ich, Mensch und Universum, Tatsachen und Realität. Egal was ich wahrnehme, so lange ich es wirklich wahrnehme, ist in irgendeiner Form Teil der Wirklichkeit und kann zu einer Wahrheit führen. Auch Illusionen und Lügen können Wahrheiten offenbaren, wenn ich mich von einem Stück echter Wahrnehmung zum nächsten vorarbeite.

Vielleicht bedeutet Trost – als Beseitigung oder Milderung von Leid – auch die Rückkehr oder das Wiederbeschaffen einer klaren Wahrnehmung, einer Möglichkeit zur Wahrheitsfindung, mit der ich mich selbst und andere wieder erkennen kann, um darin erneut jene Verbundenheit mit mir selbst und anderen zu erfahren, von der mich das Leiden trennte.

Ich brauche Wahrheit, um wahrhaftig zu sein, um mich selbst behaupten zu können. Wie diese Welt auch sei, wie sie auch enden wird. Letztlich kann ich nur darauf hoffen, mein Selbst-Sein (oder das Selbst-Sein anderer) im Hier & Jetzt zu retten. Ich denke, dass ist es im Wesentlichen, was menschliche Würde bedeutet und was es bedeutet, wenn wir sagen, dass diese unantastbar sei?

Nein, sie ist nicht unantastbar. Menschen verlieren ihr Selbst oft genug. Nur ein Teil dessen bleibt vermutlich immer geschützt und uns erhalten, in der Verbundenheit allen Seins, weil wir immer Teil des Universums bleiben, egal was passiert. Aber ich verliere Würde dennoch immer wieder, meine Würde kann angetastet, angegriffen werden – ansonsten müsste sie nicht geschützt werden.

In diesem Zusammenhang bedeutet Trost letztlich, dass ich, so lange ich hier und jetzt bin, immer zurückkehren kann, zu meinem Selbst und damit zur Würde. Dass mindestens ein unverwüstliches Samenkorn stets übrig bleiben wird, dass sicher eingebettet ist, in der Verbundenheit mit allem was ist. Dass ich meine Würde stets wieder finden kann, solange ich den Willen dazu habe. Dass Andere meine Würde auch für mich wiederfinden können – auch nach meinem Tod. Und dass dieser Trost auch für alle anderen gilt.

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